Ich maure also bin ich

Februar 2017

Zäune, Mauern und andere Grenzverstärkungen um privates Eigentum, scheinen das Symbol der polnischen Mittelklasse zu sein, wie selbstverständlich gehören sie zur Architektur des Polen von heute.

Wer durch Polen reist sieht sie überall. Sie sind grau, haben verschiedenste Formen und bestehen aus mehreren zusammengesetzten Elementen – Betonzäune. Sie kommen einer Mauer in Aussehen und Funktion sehr nah, sind nur eben viel günstiger und schneller errichtet. Beliebig hoch lassen sie sich zusammensetzen, sind absolut blickdicht und Schall abweisend.

«Für mich sind sie etwas zwischen einem Zaun und einer Mauer», sagt Filip Springer. «Und was auffällt, sie sind fast immer höher als die übliche Körpergröße, sodass man nicht darüber schauen kann.» Der preisgekrönte Photograph und Autor hat mehrere Bücher verfasst, in denen er aktuelle Architektur und Landschaftsgestaltung in seiner Heimat Polen dokumentiert. In einem Buch widmet er ein ganzes Kapitel dem polnischen Abgrenzungsphänomen.

«Gäbe es ein Objekt, welches die polnische Gesellschaft repräsentiert, es wäre der Zaun oder die Mauer», sagt Springer.

Zäune, Mauern und andere Grenzverstärkungen um privates Eigentum, die nach 1989 aus dem Boden sprossen, gehören wie selbstverständlich zur Architektur des Polen von heute. Springer sieht in ihnen eine Überreaktion, die ihre Wurzeln in der sozialistischen Vergangenheit des Landes hat. «Nach den negativen Eindrücken, dass niemand etwas besaß und alles dem Regime gehörte, wollten die Menschen nun ihr Eigentum vom öffentlichen Raum abgrenzen». Jeder Zaun wird damit fast schon zur Manifestation anti-kommunistischer und anti-sozialistischer Denkweisen.

Ein Zaun oder eine Mauer kann in gewisser Weise auch Ausdruck von Individualität sein. «Polen ist ein sehr homogenes Land. Die meisten Menschen sind weiß und katholischen Glaubens. Ein Zaun bietet damit auch ein sehr einfaches und günstiges Mittel sich abzugrenzen», meint Springer. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt kaum Vorschriften, die der architektonischen Fantasie in Polen Grenzen setzen. Gerade die polnische Mittelklasse, die es seit den 1990er Jahren zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat, möchten dies auch nach außen demonstrieren.

Eine weitere Form dieses Verhaltens sind geschlossene Wohnanlagen. Allein in der Hauptstadt Warszawa gibt es schätzungsweise mehr als 400 solcher Anlagen. «Vor dem Hintergrund verstärkter sozio-ökonomischer Unterschiede seit den 1990er Jahren, ist Wohnen in geschlossenen Anlagen ein Kennzeichen sozialer Schichten geworden und eine Möglichkeit Erfolg und Wohlstand zu demonstrieren», sagt Dr. Dominika Polanska von der Universität Uppsala. Die Soziologin hat in ihrer Dissertation geschlossene Wohnanlagen in Polen studiert. «In den Interviews mit Bewohnern in geschlossenen Wohnanlagen wurde deutlich, dass sie etwas Anderes wollten, als das was sie in der Vergangenheit erlebt hatten. Ihre Wohnideale dienen dazu, den groß angelegten Wohnblöcken zu entkommen, die während dem Kommunismus gebaut wurden.»

Für Marian T. Bewohner einer geschlossenen Wohnanlage mit Einfamilienhäusern außerhalb Warszawas ist auch das Gefühl von Sicherheit relevant. «Wir haben uns explizit nach Häusern in geschlossenen Wohnanlagen umgesehen, weil wir das Gefühl hatten, dass sich die Nachbarn dort mehr füreinander interessieren.» Nichtsdestotrotz habe er auch nach mehreren Jahren keine besondere Beziehung zu seinen Nachbarn und es gäbe keine gemeinsamen Aktivitäten. Das Sicherheitsgefühl bleibt.

Dominika Polanska erfährt während ihrer Forschung andererseits, dass Angst vor Kriminalität eher zweitrangig bei der Wahl geschlossener Wohnanlagen ist, wichtiger sei der Komfort und Wohnstandard. Das ist auch für die Immobiliengesellschaften ein lukratives Geschäft. Denn: «Die Errichtung und Instandhaltung solcher Anlagen mit ihren Sicherheitsvorrichtungen sind mit höheren Kosten für die Bewohner verbunden», so Polanska. Ob sich der Trend weg vom Leben hinter Mauern zu einer offeneren Wohnweise wandle, hänge nicht nur vom Angebot ab, sondern auch von der Einstellung der Menschen. Filip Springer attestiert weiten Teilen der polnischen Gesellschaft  ein hohes Maß an Misstrauen anderen gegenüber. «Nachbarschaftshilfe, so etwas ist für viele Polen merkwürdig.» Trotzdem, die ersten Immobiliengesellschaften werben bereits mit offenen Wohnanlagen – noch überwiegen jedoch die Zäune.

Kaja Puto, Journalistin und stellvertretende Vorsitzende bei Korporacja Ha!art in Kraków resümiert: «Polen ist eine merkwürdige Nation. Einerseits lieben Polen es über Freiheit zu reden, auf die Straße zu gehen und Mauern einzureißen. Gleichzeitig errichten sie Mauern um ihr Eigentum, ebenso wie zwischen sich und andere Kulturen».

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